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August 24, 2020

Fotograf Monti Smith hat mächtig Dreck am Stecken – natürlich nur im übertragenen Sinne. Seine Bilder zeigen eine Welt des Vergangenen, rostig, klapprig, staubig, oldschool. Ein Gespräch über Retro und Revival.

 

Interview: Laslo Seyda

Monti, deine Fotos zeigen alte Lastwagen, schmutzige Crossbikes und Surfer, die auf Retro-Single-Fins auf der Spitze ihres Boards balancieren. Wie passt das alles zusammen?

In erster Linie verbindet alle Bilder das Gefühl des California Lifestyle der Fünfziger und Sechziger, fröhlich und unabhängig. Hinter dieser offensichtlichen Antwort verbirgt sich aber noch etwas anderes. Ob nun der von Rost zerfressene Truck, der trotz aller Widrigkeiten weitertuckert; das Motorrad, das seinem Fahrer trotz des vielen Würgens und Tretens treu gehorcht; das klobige Longboard, das mit dem richtigen Tanzpartner einen wahren Walzer in den Wellen hinlegt: In all diesen Dingen wohnt doch eine wunderbare Schönheit. Und ich garantiere dir: Gib diesen alten Dingern eine Chance und sie werden dir ein dickes fettes Grinsen ins Gesicht zaubern.

Gerade Motorradfahrer galten lange als wandelndes Klischee: Männer mit zotteligem Haar, Fransenweste und Totenschädel-Tattoo auf dem nackten fleischigen Oberarm. Oder reiche Männer in der Midlife-Crisis, Möchtegern-Easy-Rider. Warum findet die junge Generation das auf einmal wieder cool?

Diese Klischees gibt es immer noch. Schau dich doch nur mal auf der Sturgis Motorcycle Rally in South Dakota oder den Harley Days in Hamburg um. Aber die Szene hat sich in den letzten Jahren extrem geöffnet. Es gibt nicht mehr nur die harten Rocker und die reichen Zahnärzte, inzwischen ist jeder willkommen, aus jeder Schicht, Studenten, Surfer, Skater, einfach alle. Es ist Bewegung ins Biken gekommen. Ich mag das sehr, es eröffnet so viele Möglichkeiten, bringt so eine unglaubliche Kreativität mit sich.

 Warum ist es erst jetzt zu dieser Synergie von Subkulturen gekommen, zu einer Verschmelzung von Surfern, Skatern, Punks und Oldtimer-Fans?
Das hat natürlich ganz viel mit der Globalisierung zu tun, mit der immer weiter zusammenwachsenden Welt. Das Internet hat dazu einen entscheidenden Beitrag geleistet. Klar, man sollte nicht den ganzen Tag auf der Couch rumlungern. Den echten Shit, das wahre Abenteuer, erlebst du immer noch vor der Haustür. Aber während man früher vielleicht Außenseiter oder Teil einer Minderheit war, wenn man sich für schräge oder non-konforme Sachen interessiert hat, muss man heute einfach nur online gehen und findet mit nur ein paar Klicks Gleichgesinnte rund um den Globus. Ich habe so ein paar großartige Freunde gefunden, die in Italien, Schweden, Indonesien oder auf den Philippinen leben und die ich sonst wohl nie kennengelernt hätte. Um ehrlich zu sein, schulde ich dem Internet ein High Five für dieses Geschenk, einen dicken fetten Knutschfleck.

Apropos: Knutschfleck. Welche Rolle nehmen Frauen in dieser Szene ein?

Als ich sagte, dass alle willkommen sind, meinte ich tatsächlich: alle. Ohne Frauen ist die Szene nicht mehr vorzustellen. Im Gegensatz zu früher sind sie aber keine reine Dekoration mehr, keine Pin-up-Girl mit knappen Bikinis und aufgeblasenen Brüsten. Sie fahren nicht als Sozius mit, sondern sitzen selbst hinterm Lenker. Sie gucken nicht mehr nur zu beim Schrauben an den Bikes, sondern legen selber Hand an. Außerdem bringen sie jede Menge Style mit in den Mix: knallroten Lippenstift und Petticoats, Hippie-Ponchos und Wildlederstiefel oder neonfarbenen Tapes und Nagellacken, mit denen sie ihre Helme bekleben oder Tanks bemalen. Ich würde diese Frauen aber trotz ihres coolen Looks nicht unterschätzen: Bei Rennen hat schon so manch erfahrener Fahrer nur den Qualm aus ihrem Auspuff gesehen.

 Die Szene trifft sich in Konzept-Shops wie „Deus Ex Machina“ oder auf Festivals wie dem „Wheels & Waves“ in Biarritz. Was ist das Besondere an diesen Events?

Auch wenn es Jahr zu Jahr mehr Clubs, Festivals und Besucher gibt, herrscht noch immer eine große Kameradschaft, ein sehr familiäres Gefühl. Die Leute kommen nicht einfach nur, weil es sich um irgendein neues In-Event handelt, zu dem jeder geht. Sie kommen einfach weil sie den Lifestyle leben und feiern, den Spaß, das Surfen und das Motorradfahren. Klar, kann man bei diesen Treffen auch immer wieder einen verchromten Chopper sehen oder ein dickes Touren-Bike, das Zehntausende Dollar gekostet hat. Aber mit einer zusammengeflickten Simson erregst du bei den Festivals oft mehr Aufmerksamkeit. Es gibt doch nichts Größeres, als wenn einer irgendeine alte Gurke in einer Garage findet, und die dann mit wenig Kohle, mithilfe von Youtube-Tutorials und Online-Foren und unter Blut und Schweiß und Tränen wieder neues Leben einhaucht. Es ist einfach ein ganz eigenes Fahrgefühl, langsam, aber auch viel individueller. Genauso verhält es sich mit den alten Longboards. Wer braucht schon riesige Barrels, wenn man auch auf kniehohen Wellen einen riesen Spaß haben kann.

In der Zwischenzeit haben auch große Marken das Potenzial des Retro-Kultes entdeckt und eigene Custom- und Heritage-Linien in ihren Katalog aufgenommen. Denkst du, dass das eher schädlich oder nützlich ist?

Schwer zu sagen. Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von Vintage-Produkten. Man spürt einfach das Gewicht des Materials, die Strapazierbarkeit, die Qualität. Manchmal kann man die Authentizität fast fühlen, die Arbeit, die in das Produkt gesteckt wurden. Es ist etwas für die Ewigkeit. Aber nur weil das bei vielen Leuten so gut ankommt, heißt das noch lange nicht, dass auf einmal jeder Hersteller seine Produkte auf Retro dreht. Es muss einfach zur Marke passen, zur Tradition des Unternehmens. Leider ist das Ziel der meisten Hersteller nicht die Kunstfertigkeit und Langlebigkeit ihrer Produkte, sondern der größte Gewinn – und diese Dinge schließen sich nun einmal oft gegenseitig aus. Ich hoffe aber, dass wir den Dingen der Vergangenheit immer etwas Platz einräumen werden. Schließlich sind es doch diese alten Sachen, die wirklich eine Seele haben, oder?

Wir können heute unsere Kühlschränke die Einkäufe erledigen lassen, jeden Quadratzentimeter eines fremden Landes schon im Voraus mit GoogleMaps erkunden. Vieles fühlt sich sehr sicher an, aber auch sehr langweilig. Glaubst du, dass das ein Grund für die Rückkehr zu diesem robusten, riskanten Lebensstil ist?

Ich denke, dass Technologie und Fortschritt unvermeidlich sind und dass man alle Erfindungen auf richtige und auf falsche Art und Weise nutzen kann. Der wilde Spaß, der Hang zum Risiko ist aber sicherlich eine unmittelbare Reaktion der zunehmenden Bepamperung unserer Gesellschaft, in der alle auf maximale Sicherheit fokussiert sind. Bretter’ doch einfach mal mit einem 40 Jahre alten Bike über die Autobahn, bei dem du nicht sicher sein kannst, ob alle Schrauben halten und ob dir das ganze Ding gleich auseinanderrasselt. Von A nach B zu kommen, die alltäglichste Aufgabe, ist da auf einmal wieder ein Abenteuer. Das gibt dem Leben wieder eine Fallhöhe.

 Monti „Mounce“ Smith

Unser Fotograf ist seit mehr als 20 Jahren mit Bike, Board und Kamera unterwegs. Sein wahres Alter verrät er nur ungern. Er sei aber auf jeden Fall alt genug, um noch mit echtem Film zu fotografieren und etwas von alten Chevys und Fords zu verstehen.